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We Are The Pigs - Ein Road Trip ins Epizentrum der KriseMareike Lambertz

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We Are The Pigs - Ein Road Trip ins Epizentrum der Krise

Nichts ist, wie es scheint.

Der Athener Stadtteil Kolonaki liegt nordöstlich des Zentrums auf einem Hügel. Wer etwas (zum Beispiel die ein oder andere Drachme) auf sich hielt, kaufte sich mit einem Appartment in die Welt der Reichen, Schönen und Intellektuellen ein. Heute leben hier vor allem Angestellte der zahlreichen Botschaften und Organisationen und jener Teil der Athener Mittelschicht, der sich die Mieten noch leisten kann. Von der Krise ist hier auf den ersten Blick nichts zu spüren: Delikatessengeschäfte, teure Boutiquen und Restaurants, dazu von gepflegten Autos gesäumte saubere Straßen. Doch der Schein trügt, klar. Am Ausgang der Metrostation Evangelismos wühlt ein gepflegt aussehender Mittfünfziger im Mülleimer. Vor der Botschaft Pakistans warten rund einhundert Männer in der sengenden Hitze auf Einlass. Seit Beginn der Polizeirazzia “Xenios Zeus” sind die Papierlosen nicht mehr sicher. Die Übergriffe auf Ausländer nehmen zu; vergangene Nacht wurde in Athen ein Iraki mit Messerstichen tödlich verletzt. Einer der Täter bekannte die Tat später im Internet auf facebook. Unweit der Botschaftsgebäude diskutieren elegant gekleidete Damen bei einer Pediküre über die jüngsten Zwischenfälle. “Wo soll das nur hinführen?”, ereifert sich eine der Angestellten und sagt, sie fühle sich sicherer seit das Polizeiaufgebot in der Stadt massiv gestiegen sei. Ob sie sich nicht an eine Stadt im Belagerungszustand erinnert fühle? “Aber das sind wir. Es ist wie im Krieg. Die Demonstrationen, die Streiks, nichts ist mehr wie früher”, mischt sich eine ältere Kundin ein. Sie hat ihren kostbaren Schmuck neben sich aufgehäuft, während ihre Nägel korallrot lackiert werden. Sie wolle zu ihren Töchtern nach Italien ziehen, doch erst müsse sie ihre Immobilien (der Plural lässt die Kosmetikerin kurz im Pinselstrich innehalten) in Kolonaki verkaufen. Die Zeiten seien schwierig. Ihre beiden Töchter lebten ‘sicher und angemessen’ in Rente und außerdem vermisse sie das Athen von früher. “Es war prachtvoll; alle hatten so viel Spaß. Jetzt gibt es viele arme Menschen in den Straßen; die Leute haben keine Hoffnung mehr. Ihre Wut ist groß”, sagt sie. Kann sie die Wut der Menschen angesichts sinkender Löhne und dem Verlust sozialer Sicherheit nachvollziehen? Die Antwort fällt nach einer Woche Griechenland nicht mehr ganz so überraschend aus. Selbstverständlich könne sie das. “Die etablierten Parteien haben uns jahrzehntelang belogen, das System ist korrupt, die Menschen sind Opfer von Machtgier und Ignoranz! Ich würde als Erste eine Bombe werfen, wenn ich jünger wäre!” (sg)

We Are The Pigs

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