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Finanzierung für Musiker – Crowdfunding als notwendiges Instrument?

Welchen Wert hat ein Song, der digital unendlich reproduzierbar ist und dadurch nicht eine Preisbildung nach den klassischen Gesetzen von Angebot und Nachfrage durchläuft? Im Kindesalter und auch in allen gesellschaftlichen Schichten haben wir gelernt zu teilen. Durch den Austausch von Wissen kann sich eine Gesellschaft weiterentwickeln. Auch habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, eine Zeitung, die in der U-Bahn lag zu lesen und dann für andere wieder liegen zu lassen und damit die Inhalte weiter zur Verfügung zu stellen. Im Musikbereich mache ich mich in der Regel durch solch ein Verhalten im Umgang mit digitaler Musik strafbar und kann potenziell von Rechteinhabern belangt werden. Der Musikkonsument scheint hier in seinem grundsätzlich erlernten Verhalten zu teilen und Dinge weiterzuempfehlen, von der Musikbranche nicht verstanden werden.

Heute haben wir Zugang zu nahezu jedem Song zu jeder Zeit und von jedem Ort. Durch Onlinestreaming-Dienste ist selbst der (illegale) Download überhaupt nicht mehr notwendig. Doch wie finanzieren sich Musiker? Auch auf dem Future Music Camp wurde diese Diskussion sehr emotional geführt – zu Recht, es geht schließlich für viele Musiker um die Existenz. In einer Statistik der Künstlersozialkasse wird angegeben, dass die Brutto-Einnahmen für Profi-Musiker im Durchschnitt in Deutschland bei ca. 12.000€ liegen. Das deutsche Durchschnittsgehalt liegt im Vergleich bei 42.500€ brutto laut dem Statistischen Bundesamt Deutschland. Musiker, die den Kopf frei von Geldsorgen haben sollten, um sich ihrer Musik und Kreativität zu widmen, müssen in der Praxis jeden Euro zweimal umdrehen und sich genau überlegen, ob ihre kreative Idee überhaupt bezahlbar ist.

Die üblichen Lösungsvorschläge, sich auf Konzerte und Merchandising zu konzentrieren waren nicht neu und wurden durch einfache Rechnungen von diskutierenden Musikern zu Nichte gemacht. Ein Newcomer-Künstler allein kommt vielleicht mit einer Gage von 300-500€ am Wochenende über die Runden, aber sobald zur Band mehr als eine Person gehört, geht die Rechnung nicht mehr auf. Welche Wege der Finanzierung kann es also grundlegend geben? Mir geht es nachfolgend nicht darum, den Markt noch vielfältiger zu machen und mehr Musikalben zu veröffentlichen, sondern den einzelnen Musikern eine vernünftige Existenzgrundlage zu sichern und ihnen die Chance zu geben überhaupt 100% als Profi-Musiker zu arbeiten und vielleicht dennoch nebenbei eine Familie aufzubauen oder auch die Dienstleister um sie herum bezahlen zu können. Denn auf eines konnte man sich auf dem Future Music Camp einigen: Erfolgreich werden kann man derzeit nur, wenn man zu Beginn Freunde hat, die einem die Homepage, Musikvideos, Marketing usw. nahezu kostenlos erstellen.

Kulturförderung: Laut dem Statistischen Bundesamt investiert der Staat durch Töpfe des Bundes, der Länder und Gemeinden jährlich 8 Mrd. € in die Kulturlandschaft. 2,4 Mrd. € davon gehen in den Musiksektor, was ca. 30% ausmacht. Klingt viel, betrifft aber in der Regel nur größere Einrichtungen, wie Musiktheater (1,3 Mrd. €), Musikausbildungsstätten (610 Mio. €) und Orchester (244 Mio. €). Nur ca. 100 Mio. € gehen in „Chöre, Vereine, Gruppen“ (vgl. Söndermann). Die Vielzahl von kleinen Bands und einzelnen Musikern macht mit Sicherheit eine Förderung, die ab der Antragstellung einige Gremien durchlaufen muss, auf beiden Seiten sehr inneffektiv. Zum einen lohnt der Aufwand für kleine Beträge im Bereich von 1.000 bis 5.000 € schon durch den Aufwand der Antragstellung und Abrechnung nicht wirklich und zum anderen wäre der Prüfungsaufwand bei den notwendigen niederschwelligen Anträgen dann mit Sicherheit bei der Vielfalt an Musikern nicht einfach zu behandeln.

Wirtschaftsförderung: Persönlich kenne ich wenige Musiker, die bereit sind einen Kredit aufzunehmen bzw. überhaupt erstmal eine entsprechende Bonität aufweisen können. Auch hier liegt der Fokus auf Institutionen und größeren Konstrukten.

Private Förderung: Das Statistische Bundesamt schätzt die private Förderung in Deutschland auf 400 Mio. € bis 1,1 Mrd. €. Allein ein einziger TV-Sender (Bsp: RTL) macht mit Werbung einen Umsatz von ca. 1,3 Mrd. € (eigene Rechnung auf Grund vom Tausender-Kontakt-Preis). Hier sehe ich noch sehr viel Potenzial, wenn Unternehmen erkennen, dass z.B. der Social Media Dialog rund um einen Künstler eine höhere Aktivierung und Involvierung rund um eine Marke mit sich bringen kann wie die Schaltung eines TV-Spots oder das Aufhängen eines Plakates. Ich behaupte, dass nur ein TV-Spot in der Primetime bzw. ein Plakat in einer großen Stadt weniger, bereits für sehr viele Musiker das Album finanzieren könnte.

Initiative Musik: Die Initiative wird vom Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien mit jährlich rund 2 Mio. € ausgestattet und hat damit innerhalb der ersten drei Jahre ca. 200 Musiker und Bands unterstützt.

Gema: Um die 60.000 Mitglieder verzeichnet die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte. Cirka 700 Mio. € werden hier jährlich an die Künstler ausgeschüttet. Die Gema steht immer wieder in Diskussion in Bezug auf die dynamische Anpassung ihres Modells auf die digitalen Vertriebsmöglichkeiten und auf die Flexibilität als Künstler bei einzelnen Gigs oder Verwertungschancen auch ohne Gema zu arbeiten, um überhaupt den Zuschlag zu bekommen.

Labels: Die Bedeutung von Labels im Zeitalter von Facebook und iTunes wird stark diskutiert. Auffällig ist, dass Musiker immer wenig langfristig aufgebaut werden und auch weniger Risiken eingegangen werden. Man kann sicher heutzutage nachvollziehen, dass sich jede Band bzw. jeder Musiker finanziell rechnen muss und das im Optimalfall schon im ersten Jahr. Zum weltweit größten Label hat einst EMI gezählt, die heute nur noch mit knapp 15 % der 14.000 EMI-Künstler überhaupt Gewinne machen. Auf Wikipedia ist nachzulesen, dass EMI Music im Geschäftsjahr 2008 einen Verlust in Höhe von 1,2 Milliarden US-Dollar verbuchen musste, während der Umsatz von 2,8 auf 2,3 Milliarden US-Dollar sank. Neben EMI gibt es Sony Music, Warner und Universal, die zusammen als Big Four bezeichnet werden und ca. 80% Markanteil vereinnahmen.

Als interessante Alternative wurde auf dem Future Music Camp 2011 mehrfach Crowdfunding genannt, was ich auch in Form von startnext.de auf Bühne vorstellen durfte. Daher möchte ich das Thema hier nochmal zusammenfassen.

Crowdfunding für Musiker 

Die Idee:

Viele Fans, Unterstützer, Freunde und auch Firmen finanzieren gemeinsam im Vorfeld das Musikalbum, die Tour oder das Musikvideo. Im Gegenzug bekommen diese besondere Dankeschöns, die man so nicht im Laden kaufen können wird.

Das Potential:

  • Erhöhung der Wertigkeit der Musik des Künstler durch:
    • Exklusivität (limitierte Dankeschöns, die es später nicht mehr gibt)
    • Individualität (handsigniert, Namensnennung, …)
    • Involvierung der Fans (Videoblog, Meet&Greet, Votings, …)
  • Integriertes Marketing: Begeisterte Unterstützer empfehlen das Projekt weiter und machen so bereits Werbung und lösen Mundpropaganda aus. 

Vorteile von Crowdfunding für Musiker:

  • Vorfinanzierung des Albums, der Tour bzw. des Musikvideos
  • Integrierte Marktrecherche & Potentialanalyse
  • Keine Kosten (nur bei Erfolg fällt Provisionsgebühr an)
  • Kein Risiko (Alles-oder-nichts Prinzip; Rückbuchung wird von Plattform übernommen)
  • Keine Formulare, sofortige Auszahlung ohne Abrechnung
  • Involvierung von Fans in die Entstehung
  • Auslösung von Mundpropaganda; Vernetzung in sozialen Netzwerken
  • Unabhängigkeit

Der Nachteil:

  • Frühzeitige Kommunikation über Projekt
  • Hohe Anforderung an Transparenz (für was werden die Gelder benötigt)
  • Selbstvermarktung bzw. Marketing schon während der Finanzierungsphase
  • Zusätzlicher zeitlicher Aufwand 
  • Starke Fan-Nähe und zeitnahe  Reaktionen online
  • Zusätzliche Kreativität für Dankeschöns (exklusiv, individuell, ...) 

Inspiration für Dankeschöns:

Danksagung im Booklet / Download einiger Lieder / Bonustracks / Personalisierter Dankesbrief / CD mit Unterschrift / Limited Edition / Vorabrelease / Exklusive Fotos aus dem Studio und von Auftritten / Konzert-Freikarten / Backstage-Pass / Produktionsstudiobesuch / Teile des Songs mit einsingen / Privatauftritt buchen / Logo auf CD / Cover- und Liederauswahl mitbestimmen / Gemeinsam mit Supportern einen Song schreiben /  Song mit integrierten Namen des Supports / …

Best Cases Musik auf startnext.de

Der Barde Ranarion 

 

Fans: 285 // Unterstützer: 344 // Kommentare: 145 // Blog-Einträge: 13 // Benötigtes Budget: 4.000,00 € // Erreichtes Budget: 7.398,00 € // Status: 185 % überfinanziert

 

Christina Lux feat. Reentko

    

Fans: 115 // Unterstützer: 84 // Kommentare: 32 // Blog-Einträge: 8 // Benötigtes Budget: 3.333,00 € // Erreichtes Budget: 3290,00 € (noch 19 Tage) // Status: 99 % finanziert

 

Annie Soulshine

Annie Soulshine     
Fans: 61 // Unterstützer: 20 // Kommentare: 14 // Blog-Einträge: 7 // Benötigtes Budget: 5.000,00 € // Erreichtes Budget: 792 € (noch 50 Tage) // Status: 16 % finanziert




Evelyn Kryger

     

Fans: 41 // Unterstützer: 34 // Kommentare: 10 // Blog-Einträge: 15 // Benötigtes Budget: 1.000 € // Erreichtes Budget: 1.120 € // Status: 112 % überfinanziert

Rockrainer

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Startnext beim Fundraising 2.0 Camp am 21.01.2011 in Berlin  

29.05.2011

veröffentlicht von
Tino Kreßner

veröffentlicht in
Veranstaltungen

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Kommentar(e)

Zunächst mal danke für deinen aufschlussreichen Talk auf dem fmc2011 und diesen weiterführenden Artikel. Das Prinzip Crowdfunding ist mir nicht neu, ich habe selbst schon diverse Projekte (jedoch auf anderen Plattformen als startnext.de, weil international) unterstützt. Die Finanzierung hat auch jedesmal gut funktioniert, auf die Resultate warte ich teilweise aber noch. Die Künstler haben mich aber in allen Fällen angeschrieben und erklärt, warum es länger dauert ;)
Bei euch finde ich interessant, dass ihr euch (zunächst?) auf den deutschen Markt spezialisiert und z.B. euren Payment-Provider danach ausgewählt habt. Wenn ich mir außerdem eure Partner so ansehe, sind das durchaus angesehene Namen. Mir gefällt das, was ihr macht, also ziemlich gut. Weiter so!


Matthias Gutjahr


Webseite

am 30.05.2011 | 17:10

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